Haus im Park

„… die Sünde des Andersartigen zu riskieren“

Ein theatraler Spaziergang durch die Leben der Hedwig D.

jeweils um 19 Uhr

„… in der Irrenanstalt bleibe ich nicht, Gott sei Dank", schreibt Hedwig D. 1909 aus dem St. Jürgen-Asyl in Ellen (heute Klinikum Bremen-Ost) an ihren Vater. 1908 war sie auf sein Betreiben entmündigt worden und hielt sich deshalb in den Jahren bis 1912 wiederholt in der psychiatrischen Anstalt auf: anfangs freiwillig, um sich geistige Gesundheit attestieren zu lassen, dann gezwungenermaßen. Man wirft ihr „homo- und heterosexuelle Exzesse" vor, sowie einen „zwanghaften Hang zur Lüge". Der passt gut zum neudefinierten Krankheitsbild der „Pseudologia fantastica", das Dr. Delbrück, Direktor der Anstalt, just formuliert hatte. Die Diagnose lautet „Moralische Idiotie".

ACHTUNG: Die Termine am 6.,7. und 8. Mai fallen pandemiebedingt aus

Do. 12.5. 19:00 Uhr   Ausgebucht
Fr. 13.5. 19:00 Uhr   Ausgebucht
Sa. 14.5. 19:00 Uhr   Ausgebucht
So. 15.5. 19:00 Uhr   Ausgebucht

Während ihrer mehrmonatigen Aufenthalte im St. Jürgen-Asyl zwischen 1908 und 1912 kämpft Hedwig D. um ihre Entlassung, verbündet sich mit Krankenschwestern, flieht und wird wieder zurückgebracht. Ihre Geschichte gibt Zeugnis von mehr als einem Einzelschicksal. Sie stellt die Frage, was normal ist und was verrückt – und wer das zu welcher Zeit bestimmt. Die umfangreiche Patientenakte erzählt bildreich von diesen Jahren. Die Kulturambulanz stellte die Akte den Geschichtswissenschaftler*innen der Universität Bremen zur Verfügung, die wiederum mit dem Zentrum für Performance Studies kooperieren. So wurde die Akte zur Basis eines dramatischen Textes.

Ein Jahr lang haben Studierende der Geschichtswissenschaft und der Performance Studies sowie Ensemblemitglieder des Theaters der Versammlung in einem fächerübergreifenden Projekt forschenden Studierens ihre unterschiedlichen Perspektiven auf den Fall Hedwig D. zueinander in Beziehung gesetzt. Unter der Regie des Berliner Gastregisseurs Tobias Winter, eines ausgewiesenen Experten für die Dramatisierung theaterferner Texte, ist ein Stationen-Theater durch die Leben der Hedwig D. entstanden. Dabei entscheidet die Inszenierung die Frage nach Normalität und Verrücktheit nicht. Sie macht vielmehr das Wanken von Selbstverständlichkeiten erfahrbar, wenn sie unterschiedliche Spielweisen anbietet, um sich Hedwig D. zu nähern. Ein dokumentarisches Theater mit seinem Anspruch an Realismus wäre diesen Aufgaben nicht gerecht geworden, daher agiert die Inszenierung in einer komplexen Vielfalt experimenteller Dramaturgien. Hierzu haben wir uns verschiedener Montagetechniken bedient, z.B. Briefe in dialogische Szenen umgewandelt, aber auch immer wieder die Rauheit des Textmaterials an sich szenisch ausgearbeitet, was den „Dialog" zwischen Institution und Individuum wahrnehmbar werden lässt. Die vier Aufenthalte von Hedwig D. in Ellen dienen als inszenatorische Grundstruktur in vier Akten, die Lücken zwischen den Aufenthalten markieren Zwischenspiele. Zudem spielen die vier Akte an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen theatralen Modi. So haben sich mehrere in sich stimmige Varianten von der Zeit der Patientin im St. Jürgen-Asyl ergeben, wobei das Fragmentarische der Akte teils ausgestellt und teils mit fiktionalen Elementen gefüllt wird. In der Inszenierung wird die „Andersartigkeit" von Hedwig D. in den Kontext von Zeitgenoss*innen gestellt, die bis heute für ihr abweichendes Verhalten ikonisiert werden.

„… die Sünde des Andersartigen zu riskieren", schlägt auch Antonin Artaud, bedeutender Theaterreformator mit Psychiatrie-Erfahrung, vor, wenn er in „Van Gogh oder der Selbstmörder durch die Gesellschaft" über die Psychiatrie als Instrument der gesellschaftlichen Unterdrückung von Andersartigen spricht. Während Hedwig D. in der Anstalt ans Bett gefesselt ist, entflammt sich der Bremer Künstlerstreit am Ankauf eines Van-Gogh-Gemäldes durch die Kunsthalle. In den folgenden Jahren wird er sich zu einer nationalen Debatte über den Wert des Andersartigen (und des Nichtdeutschen) für die Kunst steigern. Seine Vehemenz wirft die Schatten des Ersten Weltkriegs voraus. Auch heute ist es gesellschaftlich notwendig, dass wir uns mit der Frage nach dem Wert des Andersartigen konfrontieren. Die Inszenierung lädt dazu ein, dieser Frage im Kontext der Geschichte und der Geschichten in die Gegenwart zu folgen und sich zu ihrem existentiellen Appell zu verhalten.

Beteiligte:

  • Leitungskollektiv ca.si.an des Zentrums für Performance Studies / Theater der Versammlung
  • Michèle Leder, Regieassistenz
  • Prof. Dr. Cordula Nolte, Projektleitung Institut für Geschichtswissenschaft
  • Jannik Sachweh, Projektleitung KulturAmbulanz
  • Anna Suchard, Dramaturgie/Projektleitung Zentrum für Performance Studies / Theater der Versammlung
  • Tobias Winter, Regie
  • & die Studierenden der Geschichtswissenschaft der Universität Bremen und die Spieler*innen des Zentrums für Performance Studies der Universität Bremen und des Theaters der Versammlung

 

Solidarisches Preissystem: 20 € / 10 € / 5 €



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